Preisträger des Georg-Vogelpohl-Ehrenzeichens 2020

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Prof. Dr. ir. Evert Muijderman

Evert Muijderman wurde 1931 in Hedel geboren, einem Dorf am rechten Ufer der Maas, gerade noch in der Provinz Gelderland.

Die Erlebnisse des Zweiten Weltkriegs haben sein Leben tief berührt. Sein Geburtshaus wurde bei der Operation Market Garden von den Alliierten bombardiert, und als er eineinhalb Monate später mit seiner Familie und fast 40 anderen am Fuße des Turms von Hedikhuizen, am anderen Ufer der Maas, Zuflucht gefunden hatte, gelang es allen, gerade noch rechtzeitig zu entkommen, als der Besatzer den ganzen Turm mit seinen Fundamenten in die Luft sprengte.

Everts Liebe zum Basteln an Autos führte dazu, dass er 1949 ein Maschinen­bau­studium an der TH Delft begann. Er graduierte 1954 am Lehrstuhl für Fahrzeugtechnik bei Prof.ir. H.C.A. Van Eldik Thieme. Nach seinem Militär­dienst begann er 1956 eine Karriere bei Philips in Eindhoven, im welt­berühm­ten NatLab. Normalerweise stellte Philips nur Maschinen­bau­ingenieure ein, um die Fabriken zu managen, aber Evert sah eine Gelegen­heit, sich als Forscher in dieses Physiklabor zu betätigen.

Damals hatte das NatLab eine ganz andere Kultur als heute: eine Kultur, die sich durch große Freiheit und Raum in Zeit und Budget ausprägte. Evert wurde die Zeit gegeben, praktisch alle Aspekte der hydrodynamischen Schmierung zu untersuchen. Da er ohne jedes theoretische Wissen auf diesem Gebiet anfing, musste er selbst viel erfinden. Auch im experimentellen Bereich. Die Anwendung lag im Bereich der Axiallager für vorwiegend Konsumgüter, wie z.B. Schallplattenspieler. Die vorhandenen Lager konnten keine Last tragen, und das Ergebnis war schneller und übermäßig hoher Verschleiß.

Dasselbe Problem trat bei den Ultrazentrifugen auf, einem Gerät zur Urananreicherung. Dieses war ein äußerst wichtiges Forschungsprojekt von großer internationaler Bedeutung im Lichte der Zeit: der Zeit des Kalten Krieges. Die Niederlande waren im Rennen, eine Fabrik dafür zu bauen, und das Lager war der Engpass. Evert fand die Lösung für das Problem: ein Lager mit einem Rillenmuster. Das Lager wurde darum Spiral­rillen­lager, auf Englisch „spiral groove bearing (SGB)“, genannt. Im Jahre 1964 promovierte Evert Muijderman bei Prof.ir. H. Blok (1991 mit dem Georg-Vogelpohl-Ehrenzeichen ausgezeichnet) in Delft.

Währenddessen (1963) war Evert Gruppenleiter der Gruppe Mechanik und Tribologie geworden. Die tägliche Leitung nahm einen Großteil seiner Zeit in Anspruch, was ihn aber nicht davon abhielt, die Arbeit am Spiral­rillen­lager selbst zusammen mit seinen Mitarbeitern fortzusetzen.

Die Folgen des Krieges veranlassten Evert, den Militärdienst aufzugeben. Er wurde 1964 als Kriegsdienstverweigerer aus Gewissensgründen anerkannt. Evert wurde Mitglied des Ausschusses für das Gesetz über Kriegs­dienst­verweige­rung aus Gewissensgründen und blieb das bis 2005. 1971 wurde Evert zum außerordentlichen Professor für Tribo­logie an der Abteilung Maschinenbau der TH Delft berufen. Seine Amtseinführung mit dem Titel „Over lagers en legers “ (auf Deutsch „Über Lager und Armeen“) löste wegen seiner pazifistischen Vision große Debatten aus. Evert blieb bis 1985 mit der (heutigen) TU Delft verbunden.

1988 bot Philips ihm einen Vorruhestand an, woraufhin Evert außerordentlicher Professor für Tri­bo­logie an der TU Eindhoven, Fakultät Maschinenbau, wurde. Bis 1996 war er dieser Fakultät verbunden und emeritierte anschlie­ßend.

Da Evert von den überlegenen Eigenschaften des Spiralrillenlagers von Anfang an überzeugt war, unternahm er sehr große Mühen, dieses Lager überall bekannt zu machen. Die grundlegenden Forschungsarbeiten waren sowohl theoretisch als auch experimentell sehr gut untermauert. Ein Großteil der Forschung aus den 60 bis 80er Jahren wurde veröffentlicht. Fast alle internationalen Veröffentlichungen und Patente zu SGBs und ihren Anwendungen aus dieser Zeit stammen von Philips. Everts Werbung führte zu vielen erfolgreichen Anwendungen in:

  • Röntgenröhren
  • Videoköpfen (in Videokassettenrekorder )
  • Gleitringdichtungen (in Hochdruck Gaskompressoren)
  • Festplattenlaufwerke (Hard Discs)

Diese letzte Anwendung war die erfolgreiche und hat sicherlich dazu beigetragen, das Mooresche Gesetz möglich zu machen. Seit 2002 sind fast alle Speicherplatten als SGB-Lager ausgeführt, das sind fast 20 Milliarden Stück.

Weniger bekannt geworden, aber technisch sehr gelungen, sind die Anwendungen in Satelliten Schwungrädern, Laser-Scannern, und Freikolbenkompressoren (als Kältemaschine).

Von 1971-1996 hat Evert viel getan, um das Bewusstsein für die Frage von Krieg und Frieden in den Niederlanden zu fördern. Er war niederländisches Mitglied des Pugwash-Komitees (1978-1990). Pugwash ist eine internationale Vereinigung von Wissenschaftlern, die 1957 von einer Reihe von Nobelpreisträgern gegründet wurde. Darüber hinaus diente er der Stiftung Historisches Museum Hedel als Gründer, Mitglied, Schatzmeister und Ehrenmitglied.

In Deutschland war Evert ein hochgeschätzter und beliebter Gastdozent an der Technischen Akademie in Esslingen (1982-2002).

Schließlich war er Mitglied der Abteilung Tribologie des Bundes für Materialwissen (Bond voor Materialenkennis, BVM, 1973-1996).

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